Erinnerungen an die "Stutzmühle" in Osterfingen

Die Lage der "Stutzmühle" ...

Für die einstigen Dorfgemeinschaften waren die Mühlen von grosser Bedeutung. Sie gehörten zur Selbstversorgung und zur Unabhängigkeit des Bauerndorfes seit der Zeit, da die Körner nicht mehr in mühsamer Arbeit von Hand zwischen zwei Steinen zerrieben, sondern mit Wasserkraft gemahlen wurden. Im wasserarmen, aber kornreichen Klettgau hatte man in dieser Hinsicht seine liebe Not, denn die Hauptader des Tales heisst bezeichnend genug "Seltenbach". Oft standen die Räder der Trockenheit wegen während langen Wochen still. Aus dieser Situation heraus ist es verständlich, dass die Hallauer schon im 15. Jahrhundert den Weiler Wunderklingen kauften und an der Wutach unter grossen Opfern eine Mühle bauten und einen Kanal gruben.


Auch für die Wilchinger war der Besitz einer eigenen Mühle lebenswichtig. So erwarben sie denn in einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt die Stutzmühle am Waldbach, dessen Wasserführung auch in Perioden der Dürre ziemlich gesichert ist. Eine Zufahrtsstrasse war vorhanden, denn an der Mühle vorbei führte seit uralten Zeiten ein vielbegangener Pilgerweg aus Süddeutschland und dem Schwarzwald nach Einsiedeln zur wundertätigen Muttergottes. Die günstige und leicht erreichbare Lage trug zum Aufblühen bei. In einer Blütezeit des Kornanbaus, das heisst im 18. Jahrhundert, gehörten zur Stutzmühle das Wohnhaus mit dem Oekonomiegebäude, zwei Schweineställe, zwei Mahlgänge, eine Rendle, ein Waschhaus und ein Nebengebäude als Schuppen. Das Wasser wurde durch einen Kanal auf zwei oberschlächtige Räder geleitet. Die Rendle diente zum Entpelzen des Korns. Diese Apparatur lief mit einer so grossen Geschwindigkeit und einem solchen Lärm, dass heute noch ein gut geöltes Damenmundwerk eine «Rendle» genannt wird.



Als Gemeindebesitz wurde die Stutzmühle alle paar Jahre verpachtet, zumeist an einen Wilchinger Bürger aus dem Geschlecht der Külling, Hablützel und Böhm. Die Stutzmüller zahlten für den umfangreichen Gebäudekomplex samt Landwirtschaftsbetrieb jährlich 22 Mutt Kernen (1 Mutt sind 89 Liter), welche die Gemeinde ihrerseits zur Entlöhnung ihrer Beamten brauchte, des Schulmeisters, des Mesmers, des Nachtwächters, des Vorsängers in der Kirche und des Bettelstäubers. Dieser hatte die Bettler und Zigeuner vom Gemeindebann zu vertreiben und zwar — nach dem Gesetz des heiligen St. Florian — auf Hallauer, Neunkircher oder Erzinger Boden, von wo sie der Kollege des Nachbardorfes nach etlichen Tagen wieder  zurückjagte.



Im stillen Waldwinkel des Wangentals wechselte die Sutzmühle verschiedentlich den Besitzer, bis sie 1957 von der Gemeinde aufgekauft und als Forsthaus benutzt wurde. Um die Jahrhundertwende hatten die Mühlenräder ausgeklappert. In meiner Jugendzeit waren die Gebäude schon ziemlich verlottert. Es webte für uns Buben etwas Geheimnisvolles um die alte Mühle, in der eine Wahrsagerin hauste, die uns eine schlechte Zukunft prophezeite, wenn wir ums Haus herumlärmten und Scheiben einwarfen. Vielleicht werden unsere Kinder und Kindeskinder einmal auf den Ruinen stehen und sagen: «Hier stand einmal eine Mühle.»


... auf Peyers Schaffhauser Karte, 1685

... und auf der heutigen Landeskarte

aus:     Archiv der Schaffhauser Nachrichten, Kurt Bächtold, 10.5.1971

Am "Stutz" ...


Hier auf dem Rastplatz für müde Wanderer finden sich noch einige Mühlsteine als Zeugen der Vergangenheit.